Lesezeit: ca. 7 Minuten | aktualisiert: 25.11.2021

Ganz ehrlich? Geht man zum ursprünglichen Verständnis des Begriffs zurück, gibt es keinen Unterschied in der Bedeutung zwischen visueller Notiz und Sketchnote.

Mike Rohde, der den Begriff „Sketchnote“ ab dem Jahr 2007 geprägt und in die Welt getragen hat, verwendet ihn seinen beiden Büchern synonym zu „Visual Note“:

„Sketchnotes are visual notes created from a mix of handwriting, drawings, hand-drawn typography, shapes, and visual elements like arrows, boxes, and lines.”
(Mike Rohde)

Im Mike-Rohde-Universum macht der Begriff auch Sinn – gerade unter dem Aspekt „Naming is Branding“. 😉 Denn es ist ja nicht so, als hätte er diese Art der Notizen erfunden. Er konnte sich mit dem neuen Begriff von anderen Visualisierer:innen absetzten (visuelles Arbeiten in Beratung, Prozessbegleitung und Moderation etablierte sich in den USA schon in den 1970ern). So hat er nicht nur Sketchnotes, sondern auch seinen eigenen Namen erfolgreich in die Welt getragen.

Visuelle Notize eines Vortrags

Ein Beispiel von Mike Rohde, mit dem er auf seiner Website zeigt, wie eine Sketchnote (bzw. visuelle Notiz) aussehen kann.

Mittlerweile hat sich der Begriff Sketchnotes (gerade im deutschsprachigen Raum) von seiner ursprünglichen Bedeutung stellenweise seeeehr weit entfernt. Beziehungsweise: Er wird oft uminterpretiert in „irgendwas mit Zeichnen“.

Und das ist schade: Denn Visualisierung im beruflichen und gesellschaftlichen Rahmen kann ein sehr wirkmächtiges Werkzeug sein. Durch die Fehlinterpretation „irgendwas mit Zeichnen“ werden visuelle Notizen banalisiert, belächelt und in die Hobbyecke geschoben.

Dazu tragen maßgeblich Angebote bei, deren Fokus rein auf dem Zeichnen liegt: Siehe „200 Business-Symbole zum Abzeichnen“ oder „Die große Symbolbibliothek mit über 1000 Zeichenanleitungen“. Oder – für mich der Gipfel der dekorativen Banalisierung – „Mit Sketchnotes dein Business verschönern“.

Leute! Davon kriege ich geistigen Ausschlag. Hässliche rote Pusteln.

Was bitte bringt es denn, ein Fahrrad, einen Heißluftballon oder einen Laptop zeichnen zu können, wenn ich nicht in der Lage bin, Inhalte verständlich und auf das Wesentliche reduziert aufzubereiten?!

Visualisieren hat nichts mit Zeichnenkönnen zu tun, sondern mit der erlernbaren Fertigkeit, sich komplexe Zusammenhänge strukturiert zu erschließen (das heißt sie zu verstehen). Visuelle Kompetenz und digitale Alphabetisierung gehören für mich zusammen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir nur mit lebenslangem Lernen und Kreativität dafür sorgen können, dass unsere Jobs nicht wegdigitalisiert, sondern menschenzentrierter werden. Nur wer versteht, kann auch gestalten.

Dazu gehört auch, mit visueller Kompetenz seine eigenen Ideen anderen anschaulich vermitteln zu können. Nur wer in der Lage ist, verstanden zu werden, kann andere überzeugen und gesellschaftlich etwas verändern. Mit der Überbetonung des Zeichnens reduzieren sich visuelle Notizen mehr und mehr zu einem kreativen Nischenhobby. Das ist problematisch, weil so die Kraft der Visualisierung für (beruflich oder gesellschaftlich) relevante Dinge oft ungenutzt bleibt.

Deswegen macht es dann doch Sinn, im Deutschen zwischen Sketchnotes und visuellen Notizen zu unterscheiden. Auch wenn es vom Ursprung her (und im Englischen) keinen Bedeutungs-Unterschied zwischen beiden Begriffen gibt: Der Begriff Sketchnote ist momentan von den Banalisierern besetzt.

Ja klar, es gibt seriöse Angebote und tolle Trainer:innen – momentan sind wir aber noch in der Unterzahl.

Warum ich den Begriff Sketchnote problematisch finde

Offenbar weckt der Begriff Sketchnote im deutschsprachigen Raum falsche Assoziationen. Dementsprechend hatte ich gerade in den allerersten Weiterbildungen Menschen im Kurs sitzen, die sich darauf gefreut haben, „endlich besser zeichnen zu lernen“. Die ganze Batterien von Farbstiften und Malblöcken mitgebracht hatten. Und die sich wunderten, warum „dieses schöne Hobby“ im Fachbereich Berufliche Bildung(!) angesiedelt ist.

Die Enttäuschung war dann groß, wenn wir a) über die äußere Form und mögliche Elemente (Text spielt die entscheidende Rolle) und b) über die Anwendungsmöglichkeiten von visuellen Notizen gesprochen haben:

  • Gespräche dokumentieren,
  • Inhalte von Vorträgen festhalten,
  • für Prüfungen lernen,
  • Projekte planen, Recherchen aufbereiten,
  • Seminare vorbereiten, …

Scheinbar triggert der Wortteil „Sketch“ einige Menschen so sehr, dass sie die weitere Kursbeschreibung überlesen, wo genau von diesen Anwendungsmöglichkeiten die Rede ist.

Gleichzeitig vermisste ich ausgerechnet die Menschen im Kurs, die ganz besonders von visuellen Notizen profitieren können:

  • Menschen, die in Abläufen, Prozessen, Konzepten und Strategien denken.
  • Menschen, die regelmäßig mit einer Vielzahl von Informationen umgehen und dabei den Überblick behalten müssen.
  • Menschen, die mit Klienten arbeiten, die weniger Spezialwissen haben als sie selbst – und die deshalb anschaulich und aufs Wesentliche reduziert erklären können müssen.

Auch diese Menschen waren getriggert vom Wortteil „Sketch“ und empfanden das für sich als abschreckend. Sie assoziierten, dass man für Sketchnotes irgendwie „begabt“ sein sollte, am besten künstlerisches Talent hat und gut zeichnen können muss. Dass es viel wichtiger ist, gezielt zuzuhören, Gehörtes zu verarbeiten und zusammenzufassen, kam bei ihnen im Bewusstsein gar nicht erst an:

„Sketchnotes don’t require special drawing skills, but do require you to listen and visually synthesize and summarize ideas via writing, drawing and icons.”
(Mike Rohde)

Nach einigen Jahren Erfahrung als Trainerin für visuelles Denken und Arbeiten finde ich den Begriff Sketchnote zunehmend problematisch. Dabei habe ich ihn früher sehr gerne genutzt, sogar in meinem Claim. Lange Zeit stand ganz oben auf meiner Website „Sketchnotes ohne Firlefanz“. Auch mein Business-Profil auf verschiedenen Social-Media-Plattformen hieß so.

Seit Anfang 2020 ersetze ich den Begriff in meinen Texten mehr und mehr durch „visuelle Notiz“. 2021 bin ich sogar so weit gegangen, dass ich meinen Claim geändert habe. Wo lange Zeit „Sketchnotes ohne Firlefanz“ stand, heißt es jetzt „Visualisierung ohne Firlefanz“. Weil mir die Umbenennung so wichtig war, werde ich auch noch darüber schreiben, was mein neuer Claim mir bedeutet.

Visuelle Notiz vs. Sketchnote: Wie Begriffe unsere Wahrnehmung beeinflussen

Das Austauschen des Begriffs Sketchnote durch visuelle Notiz bewirkt eine andere Wahrnehmung ein und derselben Sache. Die sprachliche Betonung verschiebt sich auf „Notizen“ und „visuell“ wird eher zum Nebenaspekt. Ein Nebenaspekt, der gar nicht mehr so einschüchternd wirkt.

Der Ausdruck „visuelle Notizen“ beschreibt meiner Meinung nach viel treffender, was Sketchnotes eigentlich sind: 1.) Notizen, die 2.) eine visuelle Komponente in sich tragen. Inhalt first, Optik second.

Wie bei jeder anderen Notiz liegt der Fokus dabei immer auf dem Inhalt der Notiz. Wenn der Inhalt nicht verständlich ist, dann ist die Notiz unbrauchbar. Text ist daher die wichtigste Komponente in einer visuellen Notiz. Mit Text kannst du wichtige Informationen leicht festhalten und weitergeben.

Eine visuelle Notiz kann daher komplett ohne Bilder auskommen, aber nie ohne Text.

Und was ist mit der visuellen Komponente? Tja, das Visuelle in visuellen Notizen sind nicht die Bilder, sondern die Struktur der Notiz. Also in erster Linie, wie Informationen auf einem Blatt Papier angeordnet sind.

pfeile-verbinder © Viktoria Cvetković bebildert.eu

Ein Beispiel: Stehen einzelne Textblöcke näher zusammen, dann deuten wir das auch als inhaltlich zusammengehörig. Stehen sie weiter voneinander entfernt, halten wir sie rein optisch schon für unterschiedlich. Die visuelle Struktur der Notiz erleichtert uns das Verdauen von Informationen – und zwar schon, BEVOR wir anfangen zu lesen.

Und die bewusste Verwendung von Sprache erleichtert uns das Nutzen eines kraftvollen Werkzeugs… Deswegen gibt es für mich derzeit eben doch einen Unterschied zwischen Sketchnote und visueller Notiz.

Zum Weiterlesen:

visualisieren-oder-zeichnen © Viktoria Cvetković bebildert.eu

„Fürs Visualisieren muss ich zeichnen können“ – oder etwa doch nicht?!

Bei funktioneller Visualisierung im Job geht es um Verstehen und Verstanden werden. Kurz: um effektive Kommunikation.

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